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Der fremde Planet ( Teil 1 )


Der engagierte Taxifahrer hatte den Kofferraum wieder zugeschlagen, Zeit für den gerade ausgestiegenen Fahrgast seinen Blick hinauf über die Fassade des Hauses schweifen zu lassen, wo die Augen dann im oberen Bereich auch schnell die gesuchten Fenster fanden. Wieder zu Hause angekommen? Das Geräusch des abfahrenden Wagens war noch zu hören, schwächte aber immer weiter ab. Es gab erst mal keine Fluchtmöglichkeit, kein Weg zurück. Warum auch? Denn insgeheim wurde sich auf diesen Moment seit Tagen vorbereitet und gefreut, wenn auch etwas Magendrücken anwesend war.

Etwa zwei Jahre war es nun her, als er damals in dem Taxi saß, das genau von dieser Stelle abfuhr, nun war sein Raumschiff wieder gelandet. Der Astronaut brauchte diese Auszeit , um vieles aufzuarbeiten, vieles zu verdauen und zu verkraften, denn jede Menge traf damals zusammen, ließ alles schieflaufen, was nur schieflaufen konnte. Die Gefühle fuhren Achterbahn, Trauer und Hoffnungen ließen sich nicht kombinieren und verarbeiten. Das Schicksal war unbarmherzig. Der einzige Weg sollte eine Brücke in eine andere Welt sein, in ein Nachdenken, in ein Abschalten, in ein Aufwachen. Könnte es gelingen? Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen aber der Abstand, der sich stets wie Tausende von Lichtjahre anfühlte, könnte Linderung bringen. Hat er das?

Ein vorsichtiger Blick durch die Glasscheibe in der Tür, die in das Lokal führte, ließ alles wie gewohnt und unverändert erscheinen. Der Name der kleinen Kneipe wurde erhalten und erinnerte an alte längst vergangene Zeiten. Ein alter Bekannter wurde hinterm Tresen ausgemacht, der den gerade Gestrandeten aber gar nicht wahrnahm. Ein Gesicht, das erhofft wurde, schien sich aber nicht im No Limits aufzuhalten. Die Hoffnung ruhte nun darauf, dieses Gesicht, dessen Strukturen in jeder Einzelheit, detailgetreu, vor sich gesehen wurde, weiter oben in diesem Gebäude zu finden. Also wurde das Gepäck nochmals festgeschnallt und die Treppe in Angriff genommen.

Schweren Schrittes stiegen die Stiefel jede Stufe hinauf, welcher von einem erhöhten Herzschlag begleitet wurde. Oben angekommen wurde auch hier vernommen, dass sich diese alte Welt nicht großartig verändert hatte. Das gab Hoffnung, auch wenn diese Impulse eines möglichen Scheiterns mit sich trug. Eine Stufe auf dem Flur wieder hinunter und schon stand man am Ziel.

Zögernd näherte sich die Hand der Klingel, wartete noch einen Moment, ehe sie sich wieder entfernte. Vielleicht doch erst ein Bier im No Limits?

Nein, jetzt oder nie! Ein erneuter Versuch folgte und wurde bis zum Anschlag durchgeführt. Das Klingelgeräusch war deutlich hörbar. Draußen war alles getan, nun musste man drinnen reagieren. Nochmal ein Räuspern, ein Zurechtzupfen des Jackenkragens. Warum dauerte das solange? Endlich, im Inneren der Wohnung wurden Schritte gehört, barfüßige Schritte, es waren keine Schuhe. Die Schritte, sie kamen direkt auf die Tür drauf zu. Jetzt von Aufgeregtheit auf Freude umschalten. Das schönste Lächeln musste her. Auch ohne Spiegel und langes Proben klappte es.

„Ja bitte! Was gibt’s?“ fragte der junge blonde Mann leicht heiser, der oberkörperfrei und mit ermüdeten Schlafzimmerblick die Tür aufgerissen hatte. „Ähm ja, sorry die Störung, aber ist Olli zu sprechen?“ kam es über die Lippen, die ihr Lächeln wieder auf Ernsthaftigkeit, fast hin zur Enttäuschung umstellten. „Olli? Was für ein Olli? Den gibt es hier nicht. Wohl falsche Tür, Cowboy?!“

„Olli, oder auch Oliver Sabel. Er wohnt doch hier. Das sind jedenfalls meine letzten Infos,“ startete der frisch Angekommene einen erneuten Versuch, obwohl er schon innerlich spürte, dass er gerade gegen eine gewaltige Mauer gerast schien. „Wie gesagt, ich kenne keinen Olli. Ich bin selber erst vor einer Woche hier eingezogen. Da sind deine Infos nicht auf dem Laufenden oder du warst zu lange auf einem anderen Planeten unterwegs“, setzte der blonde Typ, der nun auch noch vor Müdigkeit gähnte, nochmal nach, bevor er aber einen heißen Tipp preisgab: „Aber vielleicht fragst du Rafael. Der hat mir hier das Zimmer vermietet. Er müsste unten im No Limits sein.“

„Ja, klar, Rafael. Wenn einer weiß, wo Olli steckt, dann wohl Rafael,“ musste der junge Mann, dessen Gepäck auf der Schulter immer schwerer wurde, hinnehmen, wobei er schon dankbar war, dass in diesem Tipp nicht ein gewisser Rob die Hauptrolle spielte. Die Wohnungstür, die zur WG führte wurde schon wieder halb verschlossen, woraufhin noch eine weitere Frage zwischen den letzten Spalt zischte, um sich doch lieber selbst zu überzeugen: „Dürfte ich denn reinkommen? Ich habe früher selbst hier gewohnt.“

„Sehr ungünstig! Du verstehst? War eine lange Nacht, ich werde dringend erwartet und du passt gerade nicht ins Programm,“ flog die Antwort prompt wieder hinaus, ohne das die Tür wieder großartig geöffnet wurde. „Klar, verstehe! Trotzdem noch eine Frage, dann bin ich auch weg. Wohnt hier gegenüber noch Charlie Schneider?“ gab man vor der Tür nicht so schnell auf, aber auch bei dieser gesuchten Auskunft gab es keine zufriedenstellende Antwort: „Einen Charlie kenne ich nicht. Wie bereits erwähnt, eine Woche.“

Nun wurde der Infokorridor wieder ganz geschlossen, ein Weiterkommen gab es hier nicht. Allerdings gab es ja noch die Möglichkeit dem Rätsel selbst auf die Spur zu kommen. Also wurde das Gepäck noch mal richtig auf die Schulter aufgesetzt, ehe an der gegenüberliegenden Tür der Klingelknopf betätigt wurde. Nichts tat sich, also ein weiteres Mal, aber erneut blieb alles still. Naja, zumindest öffnete niemand Unbekanntes. Aber Gott sei Dank gab es in dieser bekannten, wenn auch zur Zeit fremden Welt, noch weitere Anlaufpunkte in Düsseldorf, die jetzt abgeklappert werden mussten. Was war das früher einfacher, als das Handy in der Tasche immer einsatzbereit war. Aber wenn man es zwei Jahre nicht vermisst hatte, warum jetzt? Obwohl, wahrscheinlich verlangte diese Welt wieder danach.

„Auf geht’s ins Schneiders!“ feuerte der Reisende sich selbst an, der dann nochmal einen Blick zur WG – Tür riskierte, welche sich aber nicht mehr öffnete. Sie schien für ihn verschlossen. Aber dann hörte er plötzlich von der anderen Seite des Flurs, wo sonst auch das vertraute Fahrrad abgestellt war, endlich eine erste bekannte, vertraute Stimme: „Mensch Christian! Was machst du denn hier?“
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